3. Die Deltawerke

3.1 Die Deltakommission

The Deltaworks
Video: The Deltaworks
Am 21. Februar 1953, zwanzig Tage nach der Überflutungskatastrophe, wurde die Deltakommission gegründet. Diese Kommission gab Ratschläge um die Sicherheit in dem Deltagebiet nachhaltig zu erhöhen. Unabhängig davon wie sicher das Gebiet auch werden musste, der Nieuwe Waterweg und die Westerschelde mussten aufgrund der wirtschaftlichen Interessen der Häfen von Rotterdam und Antwerpen offen bleiben. Die Deltakommission veröffentlichte letztendlich fünf Ratschläge, die am 18. Oktober zum Deltaplan führten. Der Plan sollte innerhalb von 25 Jahren ausgeführt werden, allerdings wurden die Kosten auf ungefähr 1,5 bis 2 Milliarden Gulden (ungefähr 680 bis 900 Millionen Euro) beschränkt. Um den Bau von Dämmen gut zu regeln, ist im Jahr 1959 das Deltagesetz verabschiedet worden.

Da die verschiedenen Abschnitte der Deltawerke nicht gleichzeitig fertig gestellt werden konnten, entschied sich die oberste Straßen- und Wasserbaubehörde um eine logische Abfolge beizubehalten: von klein nach groß, von leicht nach schwer. Die oberste Straßen- und Wasserbaubehörde berücksichtigte dabei, dass die Sicherheit gegen Sturmfluten so schnell wie möglich erreicht werden sollte.

3.2 Die Dämme

3.2.1 Senkkästen

So-called Phoenix Caissons are dragged to their destination "Veerse Gat" where they will be lowered to form parts of the dam.
Video: Caissons Veerse Gat finished
Das Schaffen von Deichen in den Wassergräben war sehr problematisch, weil durch die hohe Stromgeschwindigkeit des Wassers, Sand und Steine, die den Damm bilden mussten, wegströmen würden. Darum machte man von der neuesten Technik Gebrauch - die Phoenix‑Einheitssenkkästen. Diese waren große hohle vorgefertigte Kästen aus Beton, die genau gegeneinander in den Wassergräben platziert werden konnten und so einen Damm bildeten. Während des Transports zu den Wassergräben wurden die Senkkästen mit Hilfe von hölzernen Trennwänden zeitweise abgeschlossen. Einmal am Bestimmungsort angekommen wurden die Senkkästen in den Boden eingebracht und die hölzernen Trennwände entfernt. Alle Senkkästen wurden auf diese Art und Weise einzeln nebeneinander gelegt und versenkt. Der Damm hatte anfangs noch einen offenen Charakter, wobei das Meerwasser nahezu ungehindert von Ebbe und Flut durch die hohlen Senkkästen hin und her strömen konnte. Nachdem der Raum zwischen den Senkkästen mit Sand und Kies aufgefüllt wurde und die Senkkästen weiter mit Steinen und Sand beschwert wurden, wurden die Kästen geschlossen. Mit dem Schließen wurde mit einem Mal der Meeresarm abgesperrt und damit konnte man den Damm fertig stellen. Der Veersegatdamm, und Teile des Grevelingendamms, Volkerakdamms und Brouwersdamms sind mit dieser Technik fertig gestellt worden.

3.2.2 Seilbahn

Constructing the final 2 parts of the dam by creating a static dam between the Sluice-complex and the
Video: Final fase Haringvliet
Für manche Dammabschnitte schienen die Senkkästen nicht die geeignete Methode um die Wassergraben abzudichten. Aufgrund dessen wurde eine revolutionäre Technik eingesetzt. Mit Hilfe einer Seilbahn wurden große Betonblöcke von 2,5 Tonnen ins Wasser gestürzt. Man entwickelte Gondeln die 15 Tonnen Material mitnehmen konnten. Mit Hilfe von Greifern konnten die Betonblöcke unter die Führerkabine gehängt werden. Nach dem Sturz der Betonblöcke wurde der Damm mit Sand aufgefüllt, so dass kein Wasser durchströmen konnte. Diese Technik wurde bei dem Grevelingendamm, Haringvlietdamm und dem Brouwersdamm angewandt.

3.3 Von salzig nach süß

Wo das Meerwasser erst noch ungehindert hin und her strömen konnte, kam das Wasser hinter den Dämmen jetzt zum Stillstand. Die Gezeitenwirkung verschwand, Salzwasser entwickelte sich zu Süßwasser. Das hatte große Folgen für die Natur. Salzwasserfische und – Pflanzen starben ab, Vögel zogen weg. Bestimmte Abschnitte, die sonst immer unter Wasser gestanden hatten, trockneten aus. Andere Abschnitte, die bei Ebbe trocken waren, standen jetzt unter Wasser.

3.4 Oosterschelde wird Speerwerk

Storm Surge Barrier in action!
Stormsurgebarrier
Ursprünglich plante man die Oosterschelde einzudämmen. Das Wasser hinter dem Damm sollte dann langsam süß werden. Es entstand jedoch schnell großer Widerstand gegen diesen Eingriff. Das einzigartige Salzwassermilieu in der Oosterschelde sollte das Opfer der weitverbreiteten Sicherheitsmaßnahmen sein. 1976 kam man mit einer Alternative: der „Oosterscheldedamm“ sollte eine Stauanlage werden, die man nur bei extremen Wasserständen schließen musste. Das einzigartige Salzwassermilieu, die Muschel- und Austernkultivierung und die Gezeitenwirkung sollten dadurch bestehen bleiben. Das Speerwerk mit einer totalen Länge von 3 km, sollte aus 65 vorgefertigten, Betonpfeilern bestehen, dazwischen sollten 62 Stahlschützen installiert werden.

Der Boden, auf dem die Stauanlage gebaut wurde, war am Anfang viel zu weich. Um den Grund zu festigen wurden einige Arbeiten ausgeführt, wobei an den Stellen, an denen  die Stauanlage entstehen sollte, mit Kies gefüllte Kunststoffmatten ausgelegt wurden.

Water flows back into the North-Sea
Storm Surge Barrier Oosterschelde
Die Pfeiler waren die wichtigsten Elemente des Dammes. Jeder der Pfeiler war zwischen 30,25 und 38,75 Meter hoch und wog maximal 18.000 Tonnen.  Das Aufstellen der Pfeiler war Präzisionsarbeit und konnte nur stattfinden, wenn die Strömung so gering wie möglich war: nämlich während des Gezeitenwechsels. Die Pfeiler wurden mit Aufsätzen erhöht, an denen die Stahlschützen montiert wurden.

Das Oosterschelde-Speerwerk wurde die größte Stauanlage der Welt. Die Kosten einer Stauanlage waren beachtlich höher als die eines Dammes: 2,5 Milliarden Euro waren nötig um das Speerwerk fertig zu stellen. Am 4. Oktober 1986 wurde das Oosterschelde-Speerwerk von Königin Beatrix feierlich eröffnet.

3.5 Maeslant-Stauanlage

Closed Maeslantkering seen from the sky
Maeslantkering
Anfangs dachte man, dass mit dem Oosterschelde-Speerwerk die Deltawerke vollendet waren. Jedoch sollten die Deicherhöhungen entlang vom Nieuwe Waterweg keinen ausreichenden Schutz für die umliegenden Gebiete bieten, unter anderem auch nicht für Rotterdam. Darum schrieb das Ministerium für Verkehr und Wasserwirtschaft einen Wettbewerb für den Bau eines weiteren Speerwerks aus. Diese Sturmflut-Stauanlage sollte im Nieuwe Waterweg entstehen. Da es die wichtigste Zufahrtsstrecke in Richtung des Rotterdammer Hafens ist, durfte die Stauanlage die Schifffahrt nicht behindern und nur in Ausnahmefällen sollte die Stauanlage geschlossen werden dürfen. Der Sieger des Ausschreibungswettbewerbs umfasste zwei gebogene Stahltüren, die auf einer Schwelle in der Fahrrinne versenkt werden konnten. Kein anderes Speerwerk in der Welt hat so große bewegliche Arme wie die Maeslant-Stauanlage; die Wasser stauenden Tore sind je 240 Meter lang. Bei normalen Umständen stehen die Tore völlig offen, gelagert in einem Dock entlang des Wassers, damit die Schifffahrt freien Zugang zum Rotterdammer Hafen hat. Bei einer Sturmflut werden die Wasser stauenden Tore geschlossen. Die runde Form der Tore sorgt dafür, dass sie während eines Sturms der Kraft des Wassers stand halten. Am Samstag, dem 10. Mai 1997 fand offizielle Inbetriebnahme der Sturmflut‑Stauanlage Nieuwe Waterweg am Hoek van Holland statt. Dank dieser Stauanlage sind ungefähr eine Million Menschen in Südholland vor dem Meer geschützt.

Philips Dam - Krammer SluizenZandkreek DamMaeslant Kering
Oosterschelde KeringVeersegat DamHaringvlietsluizen

3.6 Bedeutung der Deltawerke

Mit der Inbetriebnahme der Maeslant-Stauanlage wurden die Deltawerke letztendlich fertig gestellt. Das enorme Projekt hat jedoch viel mehr als den geschätzten Wert von 680 bis 900 Millionen Euro gekostet. Insgesamt beliefen sich die Kosten für  den Bau der Deltawerke auf beinahe 5 Milliarden Euro. Außer einer Verkürzung der gesamten Länge an küstenbefestigten Deichen mit 700 km, haben die Deltawerke noch weitere Vorteile. Die Wasserersorgung für die Landwirtschaft kann besser reguliert werden. Hinzu kommt, dass der Wasserhaushalt für das gesamte Deltagebiet sich verbessert hat. Die Anlegung der Deltawerke fördert die Mobilität des Binnenschiffsverkehrs. Schließlich hatten die Deltawerke auch Einfluss auf die Wirtschaft, Erholung und die Natur. Einige Naturschutzgebiete sind unwiederbringlich angegriffen worden, aber an anderen Stellen sind andere Naturgebiete erhalten oder geschaffen worden.

Die Deltawerke sind weltweit ein Vorbild für eine moderne, technologische Entwicklung, bei der die Sicherheit von Mensch und Natur im Vordergrund steht. Dabei hat sich in den Niederlanden der Horizont erweitert im Bezug auf Wasser und Sicherheit. Die Deltawerke formen einen einzigartigen Kompromiss zwischen Sicherheit, Wirtschaft, Erholung und Natur.

Die Vollendung der Deltawerke bedeutet für die Niederlande jedoch nicht das Ende auf dem Gebiet des Wassermanagements. Die Niederlande stehen vor neuen Herausforderungen. Klimatische Veränderungen fordern die fundamentale Neuorientierung auf eine nachhaltige, für zukünftige Generationen, rentable Einrichtung des gesamten Landes. Durch Trockenheit, Versalzung, Erdsenkung, und strengeren Anforderungen an die Wasserqualität und Ökologie muss über neue Konzepte nachgedacht werden. Um mit diesen Herausforderungen verantwortlich umgehen zu können, werden die Niederlande in der Zukunft weiterhin in ein nachhaltiges Deltasystem investieren, das von der zukünftigen Gesellschaft finanziert werden kann.