Erzählungen, die man erst nach 50 Jahren loswerden kann

von Edith Ramakers

VLISSINGEN – Neeltje Hendrika Balkenende - de Dreu. Geboren, 10. August 1902. Wilhelmina Magdalena Balkenende. Geboren, 16. März 1940. Dirk Balkenende. Geboren, 10. Oktober 1900. Ums Leben gekommen bei der Katastrophe am 1. Februar 1953 in Kruiningen. Dieser Text steht auf einem Grabstein auf dem Friedhof von Biezelinge, Zuid-Beveland, ganz nah beim Elternhaus des demissionierten Ministerpräsidenten Balkenende.

Balkenende, 1956 geboren, hielt am Samstagabend während der Gedächtnisfeier in der St. Jakobskirche in Vlissingen als Jan Peter, Kind einer Zeeuwschen Familie eine Ansprache. Wie viele andere Familien, sowohl aus Zeeuwen, West-Brabant und Süd-Holland, hat auch die Familie Balkenende ihr eigens Los zu tragen. Wilhelmine, oder auch Willy, kam ums Leben aber ihre Schultasche wurde gefunden. "Alle Bücher und Hefte waren ordentlich eingepackt für den Montag, 2. Februar.", sagt Balkenende. "Dirk war ein Onkel meines Vaters. Sie dachten, sie wären sicher in ihrem monumentalen Bauernhof, der auf dem Hochmoor in Kruiningen stand."

Der Bauernhof stand dort ja schon seit 350 Jahren. Aber als das tosende Wasser herankam, flüchteten sie sich mit der Familie Goetheer-Rottier, die auch auf dem Hof wohnte, auf das Dach. Das Wasser schlug gegen die Mauern und schlussendlich stürzte der Bauernhof ein. "Sie kamen alle um. Mina Goetheer wurde sogar niemals wiedergefunden."
Über den Deich

Die Erzählung seiner Eltern handelt von Wolphaartsdijk. Ein Dorf, das ebenfalls Opfer beklagen musste. "Meine Eltern und Großeltern mütterlicherseits wurden von einem Familienmitglied gewarnt. Das Wasser lief zu diesem Zeitpunkt schon über den Deich, flutete weiter und drang in die Häuser vor." Die Erinnerungen an die Katastrophe scheinen erst 50 Jahre später gelöst zu werden. Balkenende: "Nicht klagen, aber tragen und beten um Kraft. Diese Mentalität war charakteristisch für die Menschen der betroffenen Gebiete."

Bei der Gedächtnisfeier in der St. Jakobskirche, die vom EO Live ausgestrahlt wird, wechseln sich gemeinsamer Gesang und Chor mit persönlichen Erzählungen von Opfern und Betroffenen ab. Raue Stürme einer dunklen Nacht. Teun van Kempen aus Oude Tonge erzählte wie sein Vater jeden aufweckte, weil er vor dem Schlafzimmerfenster Gänse schwimmen gesehen hatte. "Die Gänse waren aber Schaumkronen", sagt Van Kempen. Eine Mutter, die einsam gestorben ist und ein Vater, der nicht mit dem Ganzen umgehen konnte und vier Jahre später starb. Cor van de Tonnekeek war 19 Jahre alt als er mit eigenen Augen Menschen ertrinken sehen musste. "Alle tot. Es ist ein Abschied für immer, das weiß man sofort, wenn man sie verschwinden sieht."

©PZC 03-02-2003