Nicht zum Film mit Bertchen

"Freitag mittag, fast halb vier. Freitägliche Unruhe herrscht in der Klasse weil sich das zur Schule gehen für diese Woche fast erledigt hat. Und der erwachende Sturm draußen trägt auch zur Unruhe bei. Ich bin 12 Jahre alt, gehe in die sechste Klasse der öffentlichen Grundschule in Oude-Tonge. Drei Plätze vor mir sitzt Bert; er ist nicht besonders groß und wir nennen ihn meistens Bertchen.

Ab und zu mal darf ich samstagabends ins Gemeindehaus unseres Dorfes, ‚die alte Schule’, um einen Film zu sehen. Ein echtes Kino ist das nicht und wir gehen auch nicht ins Kino, nein, wir gehen ‚zum Film’, in einen Saal, in dem über dem Tür ein Brett mir dem Hinweis ‚Holzpantoffeln aus!’ hängt. Bertchen darf auch ab uns zu zum Film. Am Samstagabend ist es wieder so weit. Wir freuen uns alle die ganze Woche über darauf. Auf dem Schulhof in der Pause ruft mir Bertchen zu: "Samstag gibt’s `nen Film mit Doris Day." Damals war das ein Zauberwort, der Zaubername Doris Day.

Dann kommt der Sturm. Am Freitagmorgen ist es schon sehr windig und meine Mutter sagt: "Wenn es weiterhin so weht, gehst Du morgen Abend nicht weg. Daran ist gar nicht zu denken!". Am Freitagmittag schreibe ich Bertchen in der Schule einen Zettel. Ich knülle das Papier zusammen und es wandert die zwei Bänke nach vorne zu Bertchen. Spannend, denn der Lehrer ist ein Könner im Abfangen unserer Briefe. Aber das Papierbällchen erreicht meinen Klassenkameraden und er liest enttäuscht: "Wenn es weiter so windet, darf ich morgen Abend von meiner Mutter aus nicht weg!"
Ich bekomme einen Zettel zurück: "Am Montag Morgen erzähl ich Dir dann alles von dem Film.", schreibt Bertchen. Samstagabend heult der Wind und in der Nacht kommt das Wasser. Wir schreiben 1953. Ich komme nicht wieder zurück in meine Klasse. Wir werden bis Mai in Brabant evakuiert bleiben und zurück in Oude-Tonge werde ich nicht mehr in die Grundschule gehen.

Familie

Bertchen Koole ertrinkt in der Katastrophennacht des 1. Februars mit seinem Vater, seiner Mutter und seinem Bruder. Vierzig Jahre später, als ich während eines Gedenkens der Opfer an dem Massengrab stehe und den Stein mit seinem Namen entdecke, wird mir das erst wirklich bewusst. Ich habe ja nie den leeren Platz und die vier anderen leeren Plätze in meiner Klasse zu sehen bekommen. Das Leben geht weiter, vor allem für ein zwölfjähriges Mädchen, das noch soviel entdecken muss. Aber am 1. Februar 1993 als ich seinen Namen entdeckte, sah ich, dass er eigentlich ‚Beije’ hieß und am 14. Oktober 1940 geboren wurde und mir wurde auf einmal klar, dass Bertchen Koole kaum gelebt hatte, nichts mehr entdecken konnte. "Montagmorgen erzähl ich Dir alles von dem Film!’, schrieb er. So sollte es nicht sein. Ich hab nie erfahren, ob die Filmvorstellung stattfand. Ich hoffe es aber. Für Bertchen."

Tannie van Eck
Vlissingen
©PZC 30-01-03