Opa wollte unbedingt nach Hause

"Am 31. Januar 1953 war unser Opa bei uns zu Besuch, um nach dem neuen Ofen zu sehen. Es stürmte sehr draußen und unsere Eltern wollten nicht, dass Opa durch den Sturm nach Hause lief und baten ihn, bei uns zu übernachten. Aber Opa wollte unbedingt nach Hause.

In dieser Nacht hielten die Deiche den peitschenden Wellen nicht mehr stand. Vater dachte, dass wir, die drei Kinder mit Wasser spielten. Er kam nachsehen, öffnete die Schlafzimmertür und fiel vom Wasser gestoßen nach hinten um. Vater und Mutter flüchteten nach oben. Sie konnten nichts mehr mitnehmen, weder Essen noch Kleidung oder andere wichtige Dinge. Sie schliefen immer unten und wir oben.

Da saßen wir dann, fünf Personen, Vater, Mutter, unsere älteste Schwester von zehn Jahren, die kleine von sechs Jahren und ich mit meinen beinah fünf Jahren. Das Wasser stieg immer höher und es war sehr beängstigend. Irgendwann erreichte es die Dachbodenluke. Am Ende flüchteten wir uns durch das kleine Dachfenster auf das Dach. In der Not ist sehr vieles möglich: selbst unsere ziemlich dicke Mutter konnte da durch klettern.

Glücklicherweise bemerkte Vater ein großes Floß, das vorbei trieb und er konnte es noch festhalten. Zu fünft sind wir dort hinauf geklettert, alle in unseren Schlafanzügen, in der Eiseskälte. Was wir dann alles mitmachen mussten: schreiende Menschen, tote Babies, die vorbei trieben, brüllende Kühe, Pferde, die versuchten auf unser Floß zu klimmen und uns mit Angst in den Augen anschauten. Wir mussten sie wegdrücken, um unser eigenes Leben zu retten. Uns war kalt und wir waren am Ende, was dazu führte dass unser Vater vom Floß fiel. Aber er klammerte sich an einen Baum fest und kletterte zurück auf das Floß. Unser Nachbarsjunge, der vom Downsyndrom betroffen war, schrie alles zusammen. Es ging uns durch Mark und Bein. Irgendwann verstummte das Schreien und er ist zusammen mit seinem Vater ertrunken.

So brachten wir zwei Tage und drei Nächte um, auf dem Floß, in der Kälte ohne Trinken und Essen. Wir wurden als eine der letzten gerettet und mit einem Ruderboot zu einem höher gelegenen Haus gebracht. Von dort aus wurden wir mit dem Hubschrauber in die Ahoy-Hallen nach Rotterdam gebracht, wo ein Notkrankenhaus eingerichtet worden war. Um Mutter und meine kleine Schwester stand es schlecht. Sie mussten ins Krankenhaus. Unsere Familie wurde gut versorgt.

Wir sind dankbar, dass unsere Familie verschont wurde. Aber viele unserer Verwandten haben die Katastrophe nicht überlebt. So wie unser Opa, der nicht bei uns übernachten wollte und nach Hause ging. Er ist ertrunken. Die Katastrophennacht beeinflusst auch heute, 50 Jahre später noch unser Leben. Wir trauen uns nicht zu schwimmen, wenn wir den Sand unter den Füßen nicht spüren können. Und wenn es sehr stürmt, werden wir daran erinnert und alles kommt wieder hoch."

W. J. Sponselee-Den Haan
M. W. Nap-Den Haan
 
Nieuwerkerk
©PZC 15-01-03